Eigentlich wollte ich ja noch dieses Jahr nach Sarajevo. Während des Zwischenseminars berichteten die Freiwilligen aus Bulgarien aber, dass ihnen die serbische Hauptstadt im Vergleich zu der Bulgarischen wie der absolute Westen vorkäme- da ward ich neugierig.
Gesagt, getan- Freitagabend per Schlafplatz im Balkanexpress ging es von abends um neun bis morgens um acht in Richtung Sofia. Blöd nur, dass das Bahnpersonal in Bulgarien seit nunmehr über 15 Tagen täglich von 8 bis 16 Uhr streikt... und uns das keiner vorher gesagt hat. Wir landeten also irgendwo in der nordbulgarischen Pampa.
| Die bulgarische Pampa... |
Der Schaffner zeigte uns noch die Bushaltestelle wo auch gerade vor unseren kalten Nasen (es lag Schnee) der letzte Bus für unbestimmte Zeit fuhr. Wir gingen erstmal Geld holen. Paranoid wie wir sind, fühlten wir uns auch direkt von dem, wie es aussah, älteren Ehepaar verfolgt, die uns hinterher kamen. Doch "dumm hat Schwein" oder wie auch immer man es nennen möchte, wollten sie wissen, ob wir mit ihnen in einem Taxi nach Sofia fahren würden.
"Kommt auf den Preis an." war unsere eloquente Antwort.
"Oh nein, das bezahle ich schon, also mein Chef."
"Na dann..."
Aber erst wollten die Herrschaften noch einen Kaffee trinken. In dem Miniladen unweit des Bahnhofs wurde dann auch gleich für uns mit Espresso bestellt, meine von da an sehr aufgedrehte Mitfreiwillige musste meinen mittrinken. Der Verkäufer erklärte unsere Suche nach einem Taxi auch gleich zu Chefsache und fing an diverse Telefonate zu führen und musste dann auch noch mit der Begleiterin unseres Taxifinanciés diskutieren (er bulgarisch, sie russisch: äußerst amüsant wie sie sich semiverstanden) weil er kein Geld für den Kaffee haben wollte.
Einmal ins Taxi gequetscht erfuhren wir, dass unser Gönner ein niederländischer Justitzpastor ist. Das bedeutet er besucht von berufswegen niederländische Gefangene in Osteuropa. Und das schon seit neun Jahren. Seine Begleiterin kam aus der Ukraine und die beiden reisen wohl schon seit Ewigkeiten zusammen. Da der nette Herr so zu sagen Staatsangestellter war, prägte er beim Abschied dann auch noch das Zitat dieser unserer Sofia- Reise:
"Diese Fahrt hat die Beatrix bezahlt" (In meinem Kopf tauchte ungefragtermaßen ein winkender Hape Kerkeling auf...)
In Sofia angekommen, schrien uns einige Bauten regelrecht mit ihrer kommunitischen Herkunft an: groß, eckig, grau und inzwischen ein wenig angegammelt. Die Stadt selbst, bzw. ihr Zentrum ist wirklich sehr nett. Im Gegenteil zu Belgrad gibt es viele kleine eher alternative Läden, die Küche ist nicht ganz so fleischlastig und die Preise noch etwas niedriger.
Wir nächtigten im "Art Hostel" Sofia. Absolutes Südneuvorstadt- Gefühl (empfehlenswert!)!
| Unser Zimmer... |
| Das Gemeinschaftszimmer auf unserer Etage |
Ein Mini-Club im Keller (eine gefühle Mischung als dem Ilses Erika und der Galerie Fango), wo wir auch einen typisch bulgarischen Willkommensschnaps erhalten sollten (Anis und Pfefferminz...).
| Einer der Kellerräume mit an der Decke hängendem Tisch. Hier gab es auch Frühstück (nachdem wir den schlafenden Angestellten um 10.00 Uhr morgens geweckt haben) |
| Eines der Kellerfenster im Arthostel: sowas möchte ich auch haben, wenn ich groß bin! |
Danach bekamen wir einen phänomenalen Einblick in die Stadt von einer der dort wohnhaften Freiwilligen. Kirchen, Märkte, die Moschee, der deutsche Weihnachtsmarkt und Unmengen Weinhnachtsdekoration.
| Der Vitosha- Boulevard, die zentrale Straße |
| Oben rechts in der Ecke: der Vitosha. |
| Der deutsche Weihnachtsmarkt... |
Wir taten uns auch mehrfach an der bulgarischen Küche gütlich, für besonders Neugierige hier die Auflistung der Speisen: mit Speck umwickelte, gegrillte Hüherschaschlicks; Spinatauflauf mit Reis und darüber gegebenem Ei; mit Reis und gefüllten Weinblättern gefülltes Hühnerfilet an blauem Käse; kalte Gurken- Joghurt-Suppe; gegrilltes Gemüse; im Ofen gebackener Kürbis mit Honig übergossen und mit geraspelten Walnüssen überstreut; und Glühwein mit Rakija (damit es auch nach dem ersten Becher schon dreht...).
Nach diesem großartigen Wochenende in Sofia ging es wiederum mit dem Nachtzug zurück. Zu aller erst einmal verbrachten wir gut 1,5 Stunden an der serbsichen Grenze, wo allein unser Abteil komplett auseinandergenommen wurde von den Herren des Zolls. Sogar die Deckenlampe haben sie abgeschraubt und krochen dann in das so entstandene Loch. Nach dem, was wir verstanden, hat wohl jemand versucht Käse zu schmuggeln. Ob das aber wirklich Sinn macht, sei mal dahingestellt. Auf jeden Fall wurden vor, während und nach der Anwesendheit der Zöllner eine ganze Menge Behälter hin und her geschleppt. In dem ohnehin extrem widerlichen Klo (Flüssigkeitslache auf dem Boden) schwang dann auch irgendeine Abdeckung unheilvoll an der Decke hin und her und drohte jeden Eintretenden außer Gefecht zu setzen.
Über den Rest der Fahrt kann ich nur sagen, dass ich bis einschließlich 2.00 Uhr morgens gezittert habe, ab 2.30 Uhr hatte ich ob der aufsteigenden Hitze Atemnot. Gegen 6.00 Uhr, nur ca. 2 stunden zu spät, kamen wir dann in Belgrad an.
Montagabend war dann noch die offizielle Verabschiedung des Guten Geistes aller Paschmenschen in Serbien, Kosovo und Montenegro. Ich trat nach deren Wunsch zusammen mit der Abordnung aus Valjevo auf und fuhr dann auch mit ihnen, nach ca. 2,5 Stunden Programm und einer Menge Umarmungen zurück. Ein Bus: vier Lehrerinnen, fünf Schülerinnen, der Direktor und ich. Es war eine wirklich amüsante Busfahrt, sehr heiter und locker, ganz abseits des sonst so hektischen und nüchternen Schulalltags.
Doch da das letzte "Zdravo" noch nicht gesprochen ist, gehts nächstes Wochenende zum letzten Mal für dieses Jahr auf einen letzten Kaffee mit allen lieb gewonnenen Menschen nach Belgrad. Montag dann noch eine Slava und dann bin ich auch bald wäg!
Die Sachen auf den Fotos erkenne ich zum Teil wieder, besonders den Vitoscha-Boulevard. Toller Bericht, das ist ja Abenteuer nach Abenteuer bei dir! Viel Spaß noch und bis ganz bald!
AntwortenLöschenAch seufzzzzzz, sehr schöner Abenteuerbericht wieder einmal. Ob der Mini-Club einen Austauschpartner in Cottbus braucht? Also nicht irgendeinen, klar - die FANGO selbstverfreilich. So käme ich eventuell schneller nach Sofia und du wirst als "Safari-Führerin" gebucht ;-)Schade das man hier keine Kostproben einfügen kann, sonst hätte ich gerne mal vom Honigkürbis mit Walnüssen vom Blech probieren wollen.
AntwortenLöschenKatja, ich herz dich ganz lieb !!!